Himmel und Hölle zugleich – 2. Auflage

 

 

 

Hallo Sportsfreunde !

Wie schon angekündigt möchte ich über meine größte sportliche Herausforderung berichten.

Der 5. Thüringen Ultra (100 km) hat zum Jubiläum einmalig eine Strecke von 100 Meilen (161km) angeboten wofür ich mich schon am 1.Januar angemeldet habe. In meiner Vorbereitung habe ich 2269 km bis zum 30.06 2011 zurückgelegt. Start für den 5. Thüringen Ultra  (100 Meilen ) war in Fröttstätt  am 01. 07. zwischen 16 Uhr und 22 Uhr zu jeder vollen Stunde.  Zielschluss war am 02.07. um 22 Uhr.  Jeder Läufer muss seine Startzeit so wählen, dass er den km 71 zwischen 04.00 und 06.00 Uhr passiert. Kilometer 71 war auch gleichzeitig km 10 der 100 km Strecke . Zeitnahme war nur in diesem Zeitfenster möglich, wer zu zeitig ankam mußte warten und wer zu spät war, wurde aus dem Rennen genommen.

Ich hatte geplant 20.00 Uhr zu starten, dann habe ich 8 – 10 Stunden für die ersten 71 km.  Meine Planung war hinfällig, als ich etwas spät in Fröttstätt ankam. Damit ich keinen Stress habe, meldete ich mich für 21.00 Uhr und konnte somit in Ruhe etwas essen und versuchen, 1 Stunde zu schlafen.

Höhenprofil der ersten 71 km von Freitag 21 Uhr bis Samstag 06 Uhr

Pünktlich 21:00 Uhr war dann der Start. 12 Läufer machten sich auf den Weg der 100 Meilen. Davon wurden 4 von einem Mountainbike begleitet. Unter anderem wurde auch ich von einem Mountainbiker begleitet. Meine Radbegleitung kam aus Nordrhein-Westfahlen, ein Triathlonfreund mit dem ich schon 2 Ironman gemeinsam gefinished hatte.

Die ersten 13 km lief alles wie am Schnürchen. Mein Tempo so um die 9 km/h war genau das, was ich im Schnitt laufen wollte. Mittlerweile wurde es dunkel (kein Mond). Man konnte vor den Augen seine eigene Hand nicht sehen. Die Markierungen sind teilweise schwer zu finden, schon zuvor musste ich höllisch aufpassen, keinen Abzweig zu übersehen! Das bekannte “U mit dem Pfeil” sowie Flatterbänder mit einem Reflektor zeigen uns den Weg, manchmal sind auch Reflektoren an Bäumen angebracht, aber trotzdem, nicht ganz leicht.  Wir verließen die Betonstraße und ich lief meist so 300 m vor meiner Begleitung. Plötzlich durchbrach ein lauter Ruf “Lutz” von hinten. Die Stille in der dunklen Nacht.

Ich lief weiter und Rainer mein Begleiter rief: “Es geht nicht mehr, meine Räder sind blockiert.”. Matsch! Oh nein, und wie tief, und das so früh, na das kann ja noch etwas geben! Nach gut 13 km  habe ich schon Schuhe schwer wie Blei und frage mich, was da wohl noch so alles kommen würde… Ich lief zurück, um zu schauen was passiert war. Nun war mir klar was passiert war. Rainer’s Fahrrad war ein einziger Lehmklumpen. Es drehte sich nichts mehr. Wir wussten nicht was wir nun machen sollten. Ich baute das vordere Schutzblech ab und schaufelte den Lehm von den Rädern, damit er einigermaßen weiterfahren konnte.

Weiter ging es dann über eine Wiese Richtung Gotha. Wir waren kaum 2 km gekommen, da war das Rad wieder fest von Lehm umschlungen und ich schaufelte es wieder frei. Am Kilometer 16 waren wir in Gotha angekommen, wo auch der erste Verpflegungspunkt bereit stand.

Rainer machte sein Fahrrad sauber und wurde von den fleißigen Helfern unterstützt. Ich füllte solange meinen Trinkrucksack auf. 1 Liter meines speziellen Getränkes reicht für ca. 2 Stunden.

Und schon ging es weiter in der dunklen Nacht und das Fahrrad fuhr auch wieder. Bis zum nächsten Verpflegungspunkt.. Zwischenzeitlich mussten wir noch weitere 2 Male die Räder vom Lehm befreien. Zwischen Kilometer 34 und 39 wurden wir von den 22:00 Uhr startenden Läufern überholt und waren somit die letzten vom gesamten Lauf.

Bei Kilometer 41 ging es dann zum Hörselberg von 240 auf 480 Meter hoch. Allen Radbegleitern wurde empfohlen, den Berg unten zu umfahren. Es war zu gefährlich, da die Abfahrt unheimlich schwer war..Diesen Berg hoch zu laufen war leichter als ihn wieder herunter zu laufen.

Der Ausblick hier ist gigantisch und entschädigt für alles.

Laufen war eigentlich bergab gar nicht möglich, da der Weg einen  extrem steilen, mit aus Holz notdürftig befestigten Stufen (quer liegende Holzpfähle), von Wurzeln übersäten, matschigen Untergrund hatte. Gaaaanz langsam und vorsichtig steige ich abwärts, an laufen ist nicht zu denken, und eines ist mir auch klar, hier lasse ich wieder mächtig Zeit liegen, Mist, aber besser als zu stürzen!

Trotz allem gab es auch einige Stürze und einer hatte sich sogar das Handgelenk gebrochen und musste leider aufgeben.

Weiter ging es in die Nacht hinein. Bei Kilometer 50 angekommen wartete schon Rainer auf mich und es ging gemeinsam weiter. In dieser Nacht war es sehr kalt (bis zu 6 °C), Gegen 3:50 Uhr fing es an hell zu werden und die Stille der Nacht hatte nun auch ein Ende. Die Vögel fingen an zu zwitschern. Geschafft! Die Nacht war überstanden, aber die Zeit hing mir etwas im Nacken, denn bis 6:00 Uhr morgens wollten wir 71 km geschafft haben. Mein Zeitplan war etwas in Gefahr geraten bei den unvorhersehbaren Attacken in der Nacht. Voll im Zeitlimit haben wir dann doch noch die 71 km erreicht.

5:55 Uhr sind wir dann in Sondra angekommen.

Höhenprofil der letzten 90 km (10 =71km  Samstag 6:00 Uhr  bis  18.53 Uhr  100 = 161 km)

Bis zur Halbzeit bei km 80 lief ich gemächlich.wie ein Uhrwerk immer so um die 9km/h.

Von Kilometer 80 bis 96 ging es wieder einmal ordentlich Berg hoch von 330 auf 790 Meter . Nach der kurzen Nacht bekam ich nun auch meine erste Müdigkeitsphase. Ich wurde plötzlich so müde, dass mir meine Augen fast zugefallen wären. Ich wurde immer langsamer. Was kann man dagegen tun? Kein Verpflegungspunkt in Sicht. Das einzige was blieb, war sich mit Wasser abzukühlen. Da kam mir der beste Gedanke. Geregnet hatte es am Vortag genug. Also erfrischte ich mich an einer der zahlreichen Pfützen und schon war ich wieder wach. Das Wasser war eiskalt und hatte mich wieder zum Leben erweckt.

Weiter ging es zum Kilometer 100. 13 Stunden und 6 Minuten waren bis dahin vergangen und ich fühlte mich bestens.

 

Nun machte ich auch eine Pause mit Sockenwechsel und Fußpflege. Mit frischen Socken und eingepuderten Füßen ging es weiter nach Flohseligental, wo der nächste Anstieg bevor stand.

8 km lang von 380 auf 720 Meter hoch. Nach 2/3 dieses Anstieges hatte ich meine zweite Müdigkeitsphase. Die Müdigkeit hatte mich wieder im Griff. Auf einer Bank machte ich ein kurzes Päuschen.

Als Rainer dann auftauchte, scheuchte er mich gleich auf und ich suchte kraftlos nach einer Erfrischung. Die nächsten Wasserpfützen waren meine und auch diesmal hatte es mir geholfen wieder wach zu werden.

Weiter ging es bis zum letzten höchsten Punkt von 720 Meter.

Von nun an ging es dann nur noch bergab mit nur kleinen Anstiegen in Richtung Ziel. Wir kamen an einigen Verpflegungspunkten vorbei, wo ich mir dann ein Bier gönnte, damit ich mal einen anderen Geschmack im Mund bekam. Mein Radbegleiter fuhr nun öfters weit voraus. Nächster Verpflegungspunkt war Tambach-Dietharz. Ich traute meinen Augen nicht, denn dort standen unsere Frauen. Sie warteten um uns zu motivieren. Das wir noch so gut drauf waren, hatten sie nicht erwartet.

Hoch motiviert ging es weiter in die letzten 37 km.

Nach cirka 2 Stunden kamen wir nach Tabarz wo wir die letzte Pause machten. Wie seit Anfang April ausgemacht, haben wir dann eine Thüringer Rostbratwurst gegessen *lecker*.

Als Generalprobe hatten wir uns nämlich auch schon einmal im April getroffen und die Strecke in 3 Tagen abgelaufen, wo wir den leckeren Bratwurststand entdeckten und uns gleich eine für den heutigen Tag reserviert hatten. Bei diesem letzten Halt, 13 km vor dem Ziel, merkte ich schon die Verhärtung meiner Muskulatur in den Oberschenkeln. Das Laufen fiel mir anfangs etwas schwer, aber nach einigen Minuten lief alles wie immer. Schritt für Schritt mit einem Puls von ca. 120 ppm.

Alles im grünen Bereich. Beim Passieren des letzten Verpflegungspunktes bei 156 km wurde jeder Läufer + Begleiter gefeiert wie ein Sieger. Etwa 20 Cheerleader standen am Wegesrand, die Bässe der Musik dröhnten. Es war ein Genuss. Die letzten Minuten bis zum Ziel waren gezählt. Mein Adrenalinspiegel war so hoch, dass ich mein Tempo um 1 km/h für die letzten Kilometer problemlos erhöhte und somit immer noch locker ins Ziel kam.

Ich war so stolz auf mich und Rainer nach 21 Stunden und 53 Minuten in das Ziel gelaufen zu sein.

Unsere Frauen umarmten uns und waren glücklich ihre Ironmänner unversehrt nach einer solchen Megastrecke und Zeit wieder zu haben.

Hier noch einige Daten;

  • 3200 Höhenmeter
  • 161 km in 21:53:40 h gelaufen.
  • Durchschnittspuls  117
  • Maximalpuls 149
  • Kalorienverbrauch 9680
  • Lungenluftvolumen 6400

Verpflegung:

  • 9,0 l meines speziellen Getränkes
  • 3 Becher Bier
  • 2 Bananen
  • 2 Hände voll Plätzchen

Artikel der Mitteldeutschen Zeitung vom 18.07.2011: Thüringer Bratwurst zur Belohnung

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