So Leute, da es eine WM war, und eine spezielle dazu, hier ein etwas ausführlicherer Bericht:

Die Coronapandemie ist ohne Frage desaströs. Aber, wie ein guter Freund immer zu sagen pflegt, in jeder Krise steckt auch eine Chance. Der Pandemie fielen viele Rennen zum Opfer, weshalb die Ironman VR Serie ins Leben gerufen wurde. Und über ein solches „Virtuelles Race“ konnte ich mich im Mai für die 70.3 WM qualifizieren. Die Freude war riesig und so sollte es also im September nach St. George/Utah in die USA gehen. Leider wurden mir dabei durch die Einreisebeschränkungen der USA einige Steine in den Weg gelegt. Um als Deutscher in die USA einreisen zu dürfen, musste man sich zunächst 14 Tage außerhalb des Schengenraumes aufhalten und am Ende einen negativen Covidtest vorweisen, sonst war eine Einreise nicht möglich. Mehrfache Versuche, ein Ausnahmevisum zu erhalten, wurden von der amerikanischen Botschaft abgelehnt. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. In diesem Fall führte der Weg über Mexiko. Dank meiner verständnisvollen und sportbegeisterten Arbeitskollegen aus dem Paul Gerhardt Stift konnte ich meine restlichen Urlaubstage und einige Überstunden zusammenfügen und so ging es am 29. August von Frankfurt nach Cancun und dann weiter nach Playa del Carmen. Leider musste ich die Reise allein antreten, da weder meine Freundin, noch mein ebenfalls qualifizierter Kumpel Stan das Glück dieser kurzfristigen Urlaubsplanänderung hatten. Aber egal, von kleinen Nackenschlägen darf man sich nicht von großen Zielen abbringen lassen. Da muss man auch ruhig bleiben wenn im Flieger vier schreiende Kleinkinder ohne Maske in direkter Nachbarschaft sitzen und wenn dir deine Sitznachbarin bei der Landung die Hose vollkotzt (meine einzige lange Hose, welche ich brauchte um in die Edelrestaurants reinzukommen).

Jetzt hatte ich also 14, oder genauer gesagt 16, Tage Zeit um noch ein bisschen zu trainieren, mich an die hohen Temperaturen zu gewöhnen und die Speicher für das zu erwartende schwere Hitzerennen in Utah zu füllen… und um mich ja nicht mit Covid anzustecken. Die Trainingsbedingungen im Hotelkomplex waren super. Ich hatte einen 25 m Pool quasi für mich allein. Ebenso war das Gym mit 19 Indoorbikes fast immer leer. Aufgrund der vielen Flüge und Transfers hatte ich mein eigenes Rad zu Hause gelassen und für das Rennen ein Bike gemietet. Auf normalen mexikanischen Straßen wollte ich eh nicht trainieren aus Angst überfallen oder überfahren zu werden. Ich durfte im Gym sogar meine eigenen Klickpedalen anbauen und hätte insgesamt ganz gut trainieren können… wäre da nicht diese tropische Hitze gewesen. Die hohen Temperaturen in Verbindung mit der hohen Luftfeuchtigkeit führten dazu, das man zwar unglaublich viel schwitzte, dies aber so gut wie keinen Kühleffekt hatte. Das kannte ich zum Glück aus Kona. Jedes Lauftraining war eine Qual und endete fast im Hitzschlag. Zum Glück gab es einen Eiswürfelautomaten und so kam mein konaerprobter Eisschal wieder zum Einsatz. Dennoch war ich nach einem etwas längeren Lauf trotz mehrerer Trinkpausen so überhitzt, dass ich am Ende in fast schon delirantem Zustand mein Zimmer nicht mehr finden konnte. Aber gut, das war quasi Mentaltraining und so wusste ich auch wie weit ich notfalls im Wettkampf gehen kann – oder besser gesagt, wie weit eben lieber nicht. Das Radtraining lief ähnlich. Zwar war das Gym klimatisiert, aber es gab keinen Ventilator. Ich glaube, sowas haben die dort in ihrem 5 Sterne Hotel noch nicht gesehen: Da kommt ein Typ, der das Bike mit einem Maßband einstellt, seine eigenen Pedalen dranschraubt, den Boden mit Handtüchern auslegt und dann nach 1:20 h Training und 1,8 l Trinkmenge einen See aus Schweiß hinterlässt .

Hab selbstverständlich alles brav aufgewischt und desinfiziert… als ich wieder stehen konnte. Das Schwimmtraining lief dafür super, wenngleich das Wasser natürlich auch zu warm war. Ernährungstechnisch war ich mit all inkl. bestens aufgestellt und dank Whatsapp wurde ich immer wieder von zu Hause motiviert, sodass die 16 Tage relativ schnell vorübergingen. Dann kam der heikelste Tag der Reise – der Covidtest-Tag. Noch nie hatte ich vor einem Covid-Test solchen Schiss, nicht aus Angst vor der Erkrankung (bin ja geimpft und somit sollte mir hoffentlich zumindest ein schwerer Verlauf erspart bleiben), sondern aus Angst vor einem positiven Testergebnis, welches eine Einreise in die USA unmöglich und somit diese ganze Reise sinnlos gemacht hätte. Da ich 16 Tage lang ganz vorbildlich jeglichen Menschenkontakt vermieden und immer brav FFP2 Maske getragen hatte, war der Test zum Glück negativ und so ging es am 14. September über Denver nach St. George ohne irgendwelche Probleme.

Im Hotel angekommen begrüßte mich ein Schild, auf dem stand, dass der State Utah alle Coronamaßnahmen abgeschafft hat. Aha. In St. George musste ich zunächst feststellen, dass es noch heißer war als in Mexiko. Allerdings war es diesmal eine trockene Hitze, sodass ich beim Lauftraining fast an meiner eigenen Zunge erstickt wäre . Dennoch war diese Hitze etwas leichter zu ertragen als die feuchte Hitze zuvor. In der Stadt war man sofort von der WM Atmosphäre infiziert. Also erstmal schnell die Expo leergekauft und das Leihrad abgeholt. Dann der Schock. Ich hatte extra den gleichen Rahmen bestellt, den ich zu Hause habe, aber die Kollegen haben so ungewöhnliche Anbauteile verwendet (z.B. einen 80er Vorbau), dass ich zunächst überhaupt nicht zurechtkam. Nach einem do-it-yourself-Bikefitting, unter anderem mit einem selbstgebastelten Lot aus Zahnseide und einer CO2 Kartusche (McGyver wäre stolz auf mich ), konnte ich größeres Übel abwenden. Ich lernte viele coole Leute kennen, unter anderem auch mehrere Europäer, die ein Ausnahmevisum erhalten hatten. Offensichtlich hatten einige Glück mit ihrem Sachbearbeiter.

Wir besichtigten die Radstrecke und stellten fest, dass der Asphalt meist gut und die 90 km Runde sehr hüglig und mit einem echt schweren Anstieg kurz vor dem Ende gespickt war (insgesamt 1049 Hm). Beim Anblick der Laufstrecke stockte uns jedoch der Atem. Das war ein nahezu reinrassiger Berglauf und wie die Radstrecke ohne jeglichen Schatten. Von da an war mir klar, dass für mich das Rennen erst beim Lauf beginnt und ich mich bis dahin auf dem Rad gut verpflegen und vorbereiten sollte. Am Vortag des Rennens ging es nochmal zu Burger King. Klingt ungesund aber zumindest war das viele Salz im Essen sehr nützlich bei der hohen Schweißrate mit entsprechenden Elektrolytverlusten in den letzten drei Wochen. Gleiches gilt übrigens für die Margaritas in Mexiko 😉.

Raceday.

Vier Uhr aufstehen. Seit drei Uhr eh wach gelegen. Nach dem Eincremen mit fünf Kilo Sonnenmilch mit LSF 50 ging es zum angekündigten Early Bird Racefrühstück in meinem Hotel. Im Frühstücksraum war jedoch alles leer. Kurze Verunsicherung. Ein anderer Athlet erklärte mir, dass es in der Lobby nur Riegel und Bananen gibt und der Kaffee auch schon alle ist. Aha. Läuft. Egal, ich hab es bis hierhin geschafft, da hat mich das nicht vorhandene Frühstück überhaupt nicht gestresst. Kaffee wurde zum Glück nachgeliefert. Eine Banane und paar Kekse sollten reichen, zum Glück hatte ich noch ein Gel übrig. Dann ging es mit einem Hotel Shuttle zum Ironman Shuttle und mit diesem zum Schwimmstart in einem etwas außerhalb gelegenen Reservoir. Die Shuttle funktionieren super ohne Wartezeit. Nach Ankunft in T1 kam die Ansage: Neoverbot. Mir egal, war eh zu warm. So kam wenigstens mal der teure Speedsuit zum Einsatz – zum ersten Mal seit Kona. Nochmal das Rad gecheckt und dann ging es zum Rolling Start. Dieser war nach Age Groups in Wellen unterteilt. Ich hatte riesen Glück und durfte in der ersten Welle um 7:25 Uhr starten. Die letzte Welle war erst kurz vor 10 Uhr dran und hatte somit noch deutlich mehr Sonne und Hitze für das ganze Rennen zu erwarten. Dann endlich der Startschuss. Die ersten 850 m der 1,9 km Runde liefen super. Nach der ersten Richtungsänderung wusste ich auch warum. Offensichtlich hatte ich bis dahin „Rückenwind“ gehabt, denn nun wurde das Wasser deutlich ruppiger. Leider bin ich, wie so oft, einen nicht unerheblichen Umweg geschwommen aber so musste ich mich wenigstens nicht mit anderen Athleten „prügeln“. Nach 36:41 Min ging es in die Wechselzone, wo ich beim Überziehen der Armcooler aus Versehen so oft meine Uhr betätigt habe, dass diese dachte ich bin bereits in T2. Das hieß Radfahren ohne Watt, Geschwindigkeit oder sonstige Informationen. Egal, ich kenne meinen Körper und Fahren nach Gefühl muss auch mal gehen. Aller 20 km kam ja ein Schild. Ich habe mich bewusst auf dem Rad etwas zurückgehalten. Damit hatte ich bei Hitzebedingungen gute Erfahrungen in Kona gemacht. Nun hieß es viel trinken, sich verpflegen und gut kühlen. Doch was war das? Ich traute meinen Augen kaum. Plötzlich zogen Wolken auf – welch ein Segen. Und es wurde noch besser. Es entwickelte sich ein echtes Unwetter mit Regen und starkem Wind. Sowas ist hier total selten. Meist brennt einfach nur erbarmungslos die Sonne. Danke lieber Wettergott. Auch wenn der Wind mich an der ein oder anderen Stelle fast vom Rad gepustet hätte und die Straße durch den nassen Staub ziemlich rutschig wurde, habe ich auf meinem Rad gejubelt, während andere mit dem „schlechten“ Wetter haderten. Ich hoffte vor allem, dass es beim Laufen so bleiben würde. Naja, ganz so kühl blieb es nicht, aber zumindest blieb es wolkig. Nach einem echt harten Anstieg zum Snow Canyon mit anschließender rasender Abfahrt ging es nach 2:53:16 h in T2. Ich habe noch nie in einem Triathlon die ganze Bandbreite meiner Gänge inkl. Rettungsring benutzt. Diesmal war es soweit. Der Anstieg kostete ganz schön Körner aber jetzt folgte ja nur noch der Halbmarathon – mit knapp 400 Höhenmetern 😉. Die ersten Kilometer bin ich defensiv gelaufen und das war auch gut so, denn die Steigung nahm im Mittelteil der 10,5 km Runde deutlich zu. Am schlimmsten waren jedoch die letzten Kilometer, die wieder bergab führten. Es ging so steil bergab, dass man eigentlich kaum laufen konnte, sondern fast hüpfen musste. Man war geneigt, am liebsten rückwärts zu laufen. Man musste genau, jetzt zerstöre ich gerade mit jedem Schritt meine Muskulatur und das wird in der zweiten Runde richtig wehtun. So war es dann auch. Zusammen mit den obligatorischen Krämpfen zu diesem Zeitpunkt des Rennens (trotz Trinken und Salztabletten sowie externer Kühlung mit Eiswürfeln) wurde es eine echt WM-würdige Schlacht. Ich kam aber sehr gut durch und als ich auf der Uhr sah, dass ich unter 5:30 h bleiben würde, waren die Schmerzen fast weg. Nach einem Halbmarathon von 1:46:02 h überquerte ich völlig euphorisch nach 5:24:36 h die Ziellinie. Der ganze Reiseaufwand hatte sich gelohnt. Ich war einfach nur glücklich. Dadurch, dass es nicht so heiß war, ging es mir auch nach dem Rennen vergleichsweise sehr gut. Hätte ich diesen schweren Kurs bei 35 Grad in purer Sonne absolvieren müssen, hätte ich sicherlich eine halbe Stunde länger gebraucht oder Bekanntschaft mit dem Medizelt gemacht. Nach diesem geilen Race ging es nach ungefähr zwei Stunden Nachtschlaf wieder zurück nach Mexiko, wo ich im Restaurant zwischen Vorspeise und Hauptgang eingeschlafen bin . Nach zwei Tagen Genussurlaub ging es dann zurück nach Hause. Letztlich bin ich eigentlich froh, dass ich den Umweg über Mexiko nehmen musste, denn nur dadurch wurde dieser Trip zu einem legendären Abenteuer an das ich bis an mein Lebensende zurückdenken werde wie an mein Kona Race. Mit diesem WM Finish ist meine sportliche Bucket List eigentlich abgehakt. Ab jetzt nur noch Sport nach eigenem Ermessen oder frei nach Andre Greipel: Ab jetzt hau ich mir nur noch in die Fresse wenn ich Bock drauf habe. Aber keine Angst, es werden sich neue Ziele finden.

Vielen Dank für eure Unterstützung und fürs Daumendrücken. Es war mir eine Ehre. Wahnsinn, lieber Micha! Soviel Durchhaltevermögen, Umstände, die du auf dich genommen hast – wir gönnen es dir von ganzem Herzen!

Herzlichen Glückwunsch, deine TriathlonFreunde

❤️

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