Gar nicht mehr lang hin und auf Hawaii fällt der Startschuss zur IM Weltmeisterschaft. Allerdings gab es im Mai diesen Jahres bereits eine Weltmeisterschaft und diese an einem ganz ungewöhnlichen Ort: St. George, Utah. Unser Team konnte gleich drei Starter in die USA schicken und Michael Kummer hat seinen Rennbericht für euch niedergeschrieben. Eine Langdistanz der Extreme. Aber lest selbst:

Anfang Februar erhielt ich überraschend ein Startplatzangebot für die Ironman Weltmeisterschaft in St. George/Utah – die erste Ironman Weltmeisterschaft außerhalb Hawaiis. Da die WM im Oktober 2021 in Kona coronabedingt nicht stattfinden konnte, sollte sie nun am 7. Mai in St. George nachgeholt werden. Den Startplatz erhielt ich über das AWA Ranking – eine Art Rangliste der WTC. Zunächst stellten sich mir zwei Fragen: Soll ich diesen Startplatz überhaupt annehmen? Schließlich hatte ich kein echtes Quali Rennen absolviert und wollte eigentlich keinen Startplatz „geschenkt“ bekommen. Andererseits ist der AWA Gold Status auch nicht „vom Himmel gefallen“ und die Regeln macht immer noch die WTC. Nach einigen philosophischen Diskussionen mit mir wichtigen Sportskameraden beantwortete ich diese erste Frage mit ja. Wer weiß, ob ich nochmal an einer Weltmeisterschaft teilnehmen kann, also sollte ich diese Chance nicht einfach verstreichen lassen. Die zweite Frage lautete: Werde ich meinen Körper überhaupt startfähig bekommen? Nur kurz zuvor hatte ich einen ziemlich schweren Bandscheibenvorfall erlitten. Wochenlang war gar kein Training möglich und ich hatte Anfang Februar immer noch eine deutliche Schmerzsymptomatik. Erneut holte ich mir Rat bei meinen Sportsfreunden und der Tenor lautete: Versuch es! Rafael Nadal hatte gerade sensationell die Australien Open gewonnen mit minimaler Vorbereitungszeit nach langwieriger Verletzung. Das war in diesem Moment eine riesen Motivation für mich… und ich musste ja nicht gewinnen sondern „nur“ finishen 😉.

Nun ging sie also los, die Ironman Vorbereitung. Drei Monate sind wirklich nicht viel wenn man in so einem schlechten Ausgangszustand startet. Aber das Gute ist: Man merkt die Fortschritte im Formaufbau und das motiviert ungemein. Dank meines Sporttherapeuten Tim Albrecht aus dem Paul Gerhardt Stift wurde mein Körper rasch zunehmend belastbarer. Zwei Trainingslager auf Mallorca brachten eine gute Grundlage und nach etwas Feinschliff kam ich tatsächlich in eine richtig passable Form. St. George und einen Großteil der Wettkampfstrecken kannte ich bereits von meinem Start bei der 70.3 WM im September 2021. Das betrachtete ich als großen Vorteil und so wurde ich langsam immer optimistischer.

Am 3. Mai ging es dann zusammen mit meinem Kumpel Kai Schröder, der auch durch seinen AWA Gold Status einen Startplatz erhalten hatte, im Flieger von Frankfurt nach Las Vegas, wo wir die erste Nacht verbrachten, bevor es dann im Mietwagen in unser etwas abseits von St. George liegendes Ferienhaus ging. „Abseits gelegen“ war in diesem Falle schwer untertrieben denn unser zweckmäßig eingerichtetes Haus befand sich mitten in der Wüste. Hier wohnen eigentlich nur Axtmörder… und wir 😉. Wir erledigten die üblichen Dinge wie Abholung der Startunterlagen, Besuch der Messe (wo die besten Sachen bereits ausverkauft waren), noch je eine lockere Lauf- und Radeinheit sowie einen Wassertest. Das Wasser war frisch, aber im Neoprenanzug gut aushaltbar. Ich war einige Tage zuvor in Deutschland im Freiwasser geschwommen, was wesentlich unangenehmer war. Durch die sehr späte Anreise kam nie Langeweile auf, da wir eigentlich immer etwas zu tun hatten und so rückte der Race-Day unaufhaltsam näher. Probleme hatten wir nur mit dem Jetlag, den wir in der kurzen Zeit nicht überwinden konnten und der uns aussehen ließ wie Zombies, was wiederum gut zum Axtmörder passte 😉.

Race-Day. Noch nie musste ich bei einem Ironman so zeitig aufstehen. Breits kurz vor drei klingelte der Wecker. Und Achtung, manchmal lauert der Teufel im Detail. Denn unser Haus war zwar nur eine halbe Autostunde von St. George entfernt, lag aber in einem anderen Bundesstaat mit einer anderen Zeitzone, was wir übrigens erst zufällig zwei Tage vor dem Rennen herausfanden. Nach der Autofahrt nach St. George ging es mit einem Shuttle in traditionellen Schulbussen zum Start am außerhalb gelegenen Sand Hollow Reservoir. Das Wasser hatte sich durch die letzten heißen Tage noch etwas erwärmt und es gab keine wesentlichen Wellen, was hier übrigens auch ganz anders sein kann (noch vor wenigen Tagen musste das offizielle Schwimmtraining komplett abgesagt werden). Um 7:30 Uhr ging es für mich im Neoprenanzug im Rolling Start ins Wasser. Ich fand schnell meinen Rhythmus und konnte die 3,8 km solide ohne größere Schwierigkeiten (abgesehen von einer Kollision mit einem Kanu) hinter mich bringen. Nach 1:06:59 h entstieg ich dem erfrischenden Nass und musste erstmal pinkeln. Das nennt man wohl Kältediurese. Der Rest des ersten Wechsels lief planmäßig und ich konnte die 180 Radkilometer beginnen.

Der Radkurs war sehr anspruchsvoll mit insgesamt 2248 Höhenmetern, welche größtenteils erst in der zweiten Hälfte anstanden. Ich versuchte also mich so gut es ging zurückzuhalten und mich gut zu verpflegen für die kommenden Aufgaben. Relativ rasch wurde es auch sehr warm, bis 32 Grad. Schatten sucht man hier vergebens. Das erinnert ziemlich an Hawaii, jedoch herrscht in Utah eine extrem geringe Luftfeuchtigkeit, während auf Big Island eine extrem hohe Luftfeuchte vorliegt. Die trockene Hitze war für mich etwas besser erträglich und dennoch war ich an jeder Verpflegungsstelle mit externer Kühlung beschäftigt, wie ich das auch in Kona praktiziert hatte. Als die Berge kamen stellte ich fest, dass meine 39/27 Übersetzung grenzwertig war und ich doch öfter in den Wiegetritt musste als gedacht. Ich kam aber insgesamt gut durch und nutzte die langen Abfahrten weitgehend zur Erholung, da ich wusste, dass noch ein ultraschwerer Marathon auf mich wartete. Einige Athleten waren bereits an ihre Grenzen gekommen und so sah ich den ein oder anderen, der sein Rad an den steilsten Passagen schob.

Nach 6:02:55 h ging es über die zweite Wechselzone auf den Marathon. Das Absteigen vom Rad war für mich der spannendste Moment, da ich nicht hundertprozentig wusste, ob mein Rücken hält. Aber der Rücken hielt. Danke Tim! Die Sprunggelenksprobleme der letzten Wochen merkte ich zwar, aber sie waren beherrschbar. Insgesamt habe ich mich zu Beginn eines Marathons beim Ironman schon schlechter gefühlt und so keimten erste Hoffnungen auf ein solides Finish unter 12 Stunden auf. Aber Vorsicht, der Marathonkurs war richtig schwer. Noch nie habe ich so viele Athleten gehend gesehen. 431 Höhenmeter waren zu bewältigen und das bei nunmehr brütender Hitze. Nun kam mein konaerprobter selfmade Eisschal zum Einsatz, welcher einiges Staunen bei den Helfern auslöste, bei den Athleten auch Bewunderung und Neid 😉. Für mich hieß es Kühlen, Trinken, Salztabletten und hin und wieder ein paar Kohlenhydrate und bloß nicht überzocken. Auch mit meiner den ganzen Tag über ziemlich defensiven Herangehensweise wurde ich an jedem Berg etwas langsamer und es entwickelte sich eine zunehmende Krampfneigung. Einen echten, gravierenden Einbruch konnte ich aber vermeiden, sodass ich nach 4:02:40 h überglücklich ins Ziel lief mit einer Gesamtzeit von 11:24:26 h, immerhin sogar etwas schneller als in Kona. Wenn man die beiden WMs vergleichen will, kann ich sagen, die Strecke in St. George ist deutlich härter als auf Hawaii, dafür ist das Klima in Kona schwieriger zu managen, wenngleich es in Utah auch nicht gerade leicht ist.

Im Ziel ging es mir dann eine halbe Stunde gar nicht gut. Es erinnerte mich ein wenig an das Armageddon von Cozumel, aber diesmal kam ich ohne Medizelt und Infusionen aus und bald war wieder alles gut und ich konnte das erfolgreiche Rennen genießen. Natürlich hat auch mein Kumpel Kai gefinisht und so konnten wir in bester Laune am nächsten Tag die Award-Zeremonie besuchen, bevor wir schließlich noch eine Nacht in Las Vegas „auf dicke Hose“ machten. Keine Angst, so schlimm wie bei Hangover war es nicht, jedenfalls habe ich noch kein Tattoo an meinem Körper gefunden.

Es war für mich eine unglaublich intensive Woche und ich bin wirklich froh, dass ich im Februar das Risiko eingegangen bin und den Startplatz angenommen habe. Die drei Monate der Vorbereitung waren schmerzhaft aber extrem lehrreich und am Ende fast erhebend. Das war mein 15. Ironman und es war einer meiner besten. Am Ende kommt wieder Rafael Nadal ins Spiel, der nach seinem Sieg bei den Australien Open überglücklich sagte: „Ich weiß nicht wie ich das geschafft habe. Ich bin einfach nur zerstört.“ Genau das dachte ich auch als ich im Ziel der Ironman Weltmeisterschaft in St. George auf dem Rasen lag 😊.

Wahnsinn! Wir gratulieren nochmals von ganzem Herzen zu diesem Finish.

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